„Da hilft nichts auf der Welt/ wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“ (Frank Spilker)
Es fühlt sich nicht an wie heimkommen, mehr wie ein großes Aushalten, wenn er in sein Wohnviertel hineingeht. Er hält inne, holt Luft, die er nicht mehr auslässt, bis er den Innenhof mit den stinkenden Müllcontainern durchquert hat, bis die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fällt.
Am Eingang des Viertels liegen drei Obachlose auf einem Lüftungsschacht, einer davon halb verborgen von einem Regenschirm. Zwei schlafen, einer hält Wache. Vor ihnen steht ein Hut mit wenigen Münzen darin. Er hetzt an ihnen vorbei, hält die Luft an, atmet nicht, er will keine Partikel in sich aufnehmen vom Elend, Hundeurin, Taubendreck, Alkohol, der alten, großbrüstigen Prostituierten, die sich mit dösigem Ausdruck in ihr Fenster lehnt, immer beäugt von Männern, die scheinbar unbeteiligt an einer Bank in Blickrichtung lehnen. Ein jüngerer ist heute dabei, zwei räudige ältere, deren Mundhöhle faulig riecht und die zu viel Aftershave aufgelegt haben.
Ein bebender, dürrer Kerl steht vor einer der Kellerkneipen, die Schwüle des Tages drückt den Rauch seiner Zigarette an ihn, er trägt den Rauch wie einen leichten Mantel, wie einen Schleier, der ihm dünn am Gesicht hängt. Wenn er die Hand zum Mund führt, verschüttet er Gedanken, er schüttelt den Kopf, der nicht mehr klar werden wird heute, er sieht nichts mehr. Aus der Kneipe dringt Musik, es ist 17 Uhr, uralter Dunst steht im Eingang, er wird nicht weichen, hinter ihm sitzen Menschen, einer hat den Kopf auf dem Tresen abgelegt, Augen und Mund geöffnet, die Musik hämmert ihnen den Alkohol ins Gehirn, bis sie blank sind.
Mütter fahren an ihm vorbei, auf den Fahrradsitzen hinter sich Kinder, die auf dem Heimweg ihre gesamte Habe verstreuen, unentwegt lassen sie kleine und große Gegenstände fallen, niemand kann etwas halten, der Stadtteil ergreift sie alle. Wer hier herzieht, legt bald ein Korsett an. Diejenigen, die hier aufgewachsen sind, haben die Härte im Inneren, sie lachen über die verschreckten Zugezogenen, sie haben Teil an der Rauheit, man ist mindestens lässig hier, besser zäh, jeder Gang ein Alleingang, nicht ausweichen, nicht abwarten, jeder geht, wenn seine Zeit da ist, läuft auf die Straße, die Autofahrer sind das gewöhnt, sie rufen Genervtes durch die Scheiben, bremsen, es wird mit den Achseln fortgezuckt. Wer lächelt und ausweicht ist schwach oder will dir was verkaufen. Wer lächelt ist seltsam und nicht aus dem Viertel.
Die Prostituierten steigen von einem Fuß auf den anderen, von einem Passanten auf den nächsten, hier darf man erst recht nicht lächeln, es ist schon so schwierig genug, ungesehen durchzukommen, es gelingt eigentlich nie, Süßer, na Süßer? Sie sehen alle gleich aus, eine Straße lang zumindest, ein Typ Frau pro Straße.
Man altert schneller, es sammelt sich Unruhe an, weil es stinkt, weil gerempelt wird, weil sie nachts vors Hoftor kotzen, sich an die Klingel stützen dabei, er schreckt um vier Uhr morgens mit Herzrasen hoch davon, die Klingel schrillt und schrillt, draußen grölt jemand, klatscht, jemand pisst einen lachenden Bogen an die Gegensprechanlage, wir sind in der Wildnis. Ab 22.00 Uhr ist alles erlaubt, an den Straßenecken werden Hemmungen abgelegt, immer wieder dasselbe geschrien: meine Mannschaft, meine Freundin, meine Scheißschlampe, mein Kerl, meine Heirat morgen früh, meine Jugend zieht an mir vorbei wie eine Blaskapelle, das muß gefeiert werden, das muß gesoffen werden, ich muß hier durch. Ich muß hier weg.

