Sturm laufen

Seit ein paar Wochen stellen Herbert Hindringer und ich uns Samstags gegenseitig Gedichtthemen, die wir dann bis zum jeweils nächsten Samstag bearbeiten.
litwechsel

Das ging ganz leicht. Bis Herbert (nach einer Diskussion zum Thema) sagte: „Feminismus. Ich schlage Feminismus als Thema vor.“ Ab da wurde alles erstaunlich schwierig. Wie bearbeitet man so ein Thema, ohne dabei zu plump oder zu kryptisch zu werden?

Vorwiegend mussten wir dabei viel herumfluchen. Mein erster Entwurf klang wie ein Arbeiterlied. Der zweite wie eine Nachtwanderung. Der dritte steht unten, damit wir nicht nur geheim und im fünften Stock versuchen, durch Lyrik Politik zu machen.

Herberts Gedicht zum Thema findet sich hier.

Sturm laufen

Sie trugen den Regen auf dem Kopf und die Tauben im Haar
als sie durch die Stadt liefen und ihre Ziele deklarierten

Auf großen Bannern standen ihre Parolen, gut waren sie
immer gewesen und stürmisch und weise und laut

Wir wollen dasselbe, war alles, was sie sagten, wir wollen
dasselbe wie ihr, während manche am Straßenrand lachten

Die wollen nicht dasselbe, sagte einer, die wollen uns
doch nur fertigmachen, sie wollen die Verhältnisse ändern

Nicht mit uns, riefen einige und andere schlossen sich still
dem Zug der Frauen an, die ihre Lieder sangen und ihre Worte

riefen und ab und zu auch brüllten, damit jeder sie verstand
Wir wollen dasselbe, riefen sie, wir wollen dasselbe wie ihr

Männer, gleichauf sein, euch nicht gleichen, aber dasselbe
können dürfen, sein dürfen, sagen dürfen, haben dürfen

und auch ihr sollt dasselbe können und sagen und haben
ohne, dass jemand ankommt und sagt, das ginge nicht

Weil wir Männer und Frauen sind, ginge das nicht, weil
wir ja dringend Männer und Frauen sein müssen

Auf keinen Fall etwas dazwischen sein dürfen und auf jeden Fall
sind Naturen vergeben worden, an die wir uns halten

Aber wir wollen dasselbe: In den Köpfen soll es leuchten dürfen
und so lange es in vielen noch dunkel ist, laufen wir

Typologie der Fahrradfahrer

bertradler

Die Großväter
Der Großvater fährt für gewöhnlich ein älteres Damenrad in Metallicgrün mit einem großen Steppmuster-Polstersitz. Das Rad quietscht stark federnd über unebene Stellen hinweg. Der Großvater hat alle Zeit der Welt, ein lustiges Hütchen auf und ist auf dem Weg irgendwohin. Naja, so ganz sicher ist er sich da nicht mehr, aber er ist eigentlich mal aufgebrochen um … um …,
Spezialfähigkeit: Absolute Unberechenbarkeit. Versucht man, den Großvater zu überholen, muß man angstfrei und schnell sein, denn er hat den Hang, die gesamte Fahrradwegbreite mit unvorhergesehenen Wellenbewegungen von links nach rechts auszuloten. Negativ: Man schrammt auch mit großer Umsicht nur äußerst knapp an ihm vorbei. Positiv: Es wird ihn nicht aufregen.

Die coole Typen
Der coole Typ gleicht in so vielem dem Großvater, dass noch gerätselt wird, ob der coole Typ möglicherweise einfach ein Großvater in seinen Jugendjahren ist. Der coole Typ ist etwa 13 – 17 Jahre alt und wurde schon auf beinahe allen Fahrradarten gesichtet. Am häufigsten fährt er ein etwas in die Jahre gekommenes Mountainbike oder ein altes Damenrad (siehe Großvater). Sein natürliches Transportmittel war einst das Bonanzarad, aber nur sehr traditionsbewusste coole Typen wissen das heute noch. Eine moderne Variante des Bonanzarads stellt der Cruiser dar. Nur ein Modell fahren coole Typen nie: Das Rennrad. Der coole Typ fährt nicht, er schlendert auf seinem Fahrrad dahin. Dabei eiert er extrem gekonnt von Seite zu Seite und schiebt, was ihn dann doch vom Großvater unterscheidet, spätestens an der nächsten Bordsteinkante einen Trick ein. Spezialfähigkeit: Lenker hochreissen, extrem langsam Fahren (bis hin zur vermeintlichen Bewegungslosigkeit). Negativ: Er hat gern noch ein oder zwei Freunde dabei, die (laufend) gemeinsam mit ihm bis zu zehn Meter Breite blockieren. Positiv: Er ist (ohne Mitläufer) durchaus amüsant.

Die Profis
Ein Profi zeichnet sich dadurch aus, dass er einen immer überholt. Es ist gleich, wie schnell man fährt oder ob er oder sie an der nächsten Ampel sowieso nach links abbiegen wird: Er überholt. Immer. Der Profi fährt meist ein sehr teures Trekkingrad (seltener ein Rennrad). Ist er Traditionalist, hat er es sich wahrscheinlich in einer Fahrradmanufaktur fertigen lassen. Eine Unterart des Profis trägt Fahrradhelm und Neonweste. Dies sind die sehr sicherheitsbewussten Profis und/oder Eltern. Der Profi fährt das ganze Jahr über und bei jeder Witterung mit dem Rad. Selbstredend besitzt er eine komplette Regen- und eine Winterausrüstung, oft hat er ein oder zwei Transporttaschen am Rad montiert. Der Profi hasst alle anderen Fahrradfahrer, selbst die anderen Profis. Wenn zwei Profis aufeinandertreffen, kann man sich als zufälliges Publikum auf ein spontanes Rennen freuen. Spezialfähigkeit: Bremsgeräusche statt der Fahrradklingel einsetzen, um zur Freimachung des Wegs aufzufordern. Negativ: Bremsgeräusche statt der Fahrradklingel einsetzen, um zur Freimachung des Wegs aufzufordern. Positiv: Abseits vom Fahrrad ein äußerst freundlicher Mensch.

Die Urbanisten
Die Urbanistinnen und Urbanisten treten hauptsächlich in der Altersgruppe von 19 – 41 Jahren auf. Die Urbanistinnen fahren Rennrad, oft Fixed Gear, und halten sich an keine einzige Regel der StVO. Üblicherweise benutzen sie Fahrradwege in die Gegenrichtung, wobei sie ein rasantes Tempo vorlegen (ja he, sie fahren Rennrad!). Sollten sie den Radweg in die richtige Richtung benutzen, fahren sie meist im ausladenden Wiegetritt, mit dem sie erstaunlicherweise die gesamte Breite des Radwegs einnehmen. Richtig unangenehm wird der Wiegetritt dann, wenn sie einem entgegenrauschen, ohne auch nur ans Ausweichen zu denken. Die Urbanisten fahren hochkonzentriert bis zur Aggression. Sie geniessen die Geschwindigkeit und lieben ihre Räder. So sehr, dass diese meist in ihren Wohnungen leben. Manche Urbanistinnen entwickeln sich im Lauf der Zeit zu guten Fahrradmechanikern und definieren sich stark über ihr Rad. Urbanisten sind eine Vorform des Fahrradkuriers. Spezialfähigkeit: Fahrradbezogenes Fachwissen. Negativ: Neigen zu extrem knappen Überhol- und Ausweichmanövern. Positiv: Können Lenkbänder wickeln.

Die Großmütter
Die Großmutter ist mit dem Großvater nicht bekannt. Sie fährt Rad, um Erledigungen zu machen. Sie fährt ein modernes Citybike mit Extremniedrigeinstieg und einem Fahrradkorb. Sie fährt sehr sorgfältig. Man darf sie keinesfalls anklingeln, das empfindet sie als extrem unhöflich und im schlimmsten Fall erschrickt sie davon so sehr, dass sie abrupt nach links oder rechts zieht und mit einem Urbanisten zusammenprallt. Die Großmutter hält sich an jedes Lichtsignal und wirkt an Ampeln, die auf grün schalten, manchmal so, als würde sie nie wieder weiterfahren wollen. Das liegt aber nur daran, dass sie viel Kraft und Zeit für den Antritt aufwenden muß. Spezialfähigkeit: Der Igel unter den Hasen. Negativ: In engen Gassen kann der Tag hinter einer Großmutter sehr lange werden. Positiv: Kann jedem Manieren beibringen.

Die Stehradler
Die Stehradlerinnen und -radler fahren Mountain- oder Trekkingbike und zwar grundsätzlich stehend. Egal, ob das Fahrrad überhaupt nicht für Wiegetritt ausgelegt ist, die Stehradlerinnen vollführen ihn doch. Sie treten stehend an, fahren stehend weiter, stehen und stehen und fallen nicht. Was sie dabei besonders lieben, ist das Lufthängen: ein paarmal treten, dann mit gestreckten Beinen auf den Pedalen stehenbleiben und immer langsamer werdend alles blockieren. Gerade, wenn hinter ihnen ein Urbanist und zwei Profis zu einem Überholmanöver ansetzen wollen, treten sie wieder ein paarmal, bevor sie stehend weiterrollen. Die Stehradler sind eine bisher relativ unerforschte Spezies, niemand kann sich so recht erklären, was sie zu ihrem Verhalten treibt. Eines aber ist sicher – ihre Spezialfähigkeit: Kann auch noch fahren, wenn der Sattel geklaut wurde. Negativ: Mäandert relativ unvorhersehbar dahin. Positiv: Eines der letzten Mysterien dieser Erde.

Die Cafés
Eng mit den Stehradlern verwandt sind die Cafés. Sie heißen so, weil sie immer ein Heißgetränk auf dem Fahrrad mitführen. Dieses trinken sie in langen Schlucken an der Ampel und während der Fahrt. Die Cafés sind fähig, mit einem Heißgetränk in der linken, einem Mobiltelefon in der rechten und einem aufgespannten Regenschirm in ihrer geheimen Zusatzhand zu radeln. Jedenfalls glauben sie das. Ihr Lieblingswort ist „tiefenentspannt“. Sie fahren trinkend, tippend und plaudernd dahin und unterbieten, was die Geschwindigkeit angeht, teilweise sogar die coolen Typen. Man darf sie auf keinen Fall darauf hinweisen, dass sie mit ihrer Fahrweise gerade einen Hauptverkehrsweg blockieren, dann werden sie nämlich sehr unentspannt und weisen einen darauf hin, dass man sich mal entspannen soll. Vereinzelt wurden schon Cafés beobachtet, die auf dem Fahrrad ihre Steuererklärungen erledigten, während sie sich Americano trinkend rasierten. Spezialfähigkeit: zu viele. Cafés können alles. Negativ: Erhöhen das Herzinfarktrisiko von Profis, Urbanistinnen und Großmüttern. Positiv: Entbinden im Notfall auch ein Kind vom Fahrrad aus.

Ars Dilettanti 2

Vom 20. bis zum 23. November war in Augsburg die Ars Dilettanti 2. Über 40 Künstler bespielten die vier leerstehenden Stockwerke der ehemaligen Oberpostdirektion. (Im Haus befindet sich noch eine Postfiliale, in die man von den Wandelgängen der Ausstellung aus hineinsehen konnte.)

Organisiert wurde die Ars Dilettanti von fünf Augsburgern. Alles ehrenamtlich, alles nebenberuflich, alles aus reiner Freude an den verschiedenen Kunstformaten. Alle waren während der Ausstellungstage ganz schön am Ende und sehr froh. Informationen und Artikel zu den Direktorinnen und Direktoren finden sich (bei Scrolllust) hier.

Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, Texte zu lesen. Hatte ich. Außerdem entwickelte ich noch spontan eine Art Begegnungsformat, das innerhalb der „Abteilung für Inneres“ stattfand. Donnerstag und Freitag konnte man sich hier von Markus Hasel die Zukunft sagen lassen. Und am Samstag saß ich im Behandlungszimmer und teilte den einzeln eintretenden Besuchern ihren wahren Namen und ihre wahre Gestalt mit. Viel mehr hatte ich mir vorher nicht überlegt. Entsprechend panisch saß ich also im vierten Stock mit meinen Farben und meinen A6-Vordrucken, auf denen stand:

„Die Abteilung für Inneres teilt Ihnen hiermit die Wahrheit (hier: Name/Gestalt) mit.
Sehr geehrte/s/r …
Sie sind ein/e …“.

An die erste Leerstelle kam der Name. An die zweite die Gestalt in Bildform (Tiere kamen in den Raum, viele Tiere, einige Blumen, ein paar Insekten, zwei abstrakte Menschen, keine Gegenstände, obwohl ich auf einen Teetisch gehofft hatte).

Vor dem Raum stand eine Reihe von grauen Kunststoffstühlen, auf denen die Wartenden Platz nahmen. Da keiner so genau wusste, was in der Abteilung vor sich ging, kamen die Besucher mit den verwegendsten Ideen, oft nervös und teils sogar ängstlich herein. Eine Mädchengruppe, die zu viert reinstürmte, befürchtete beispielsweise, ich würde sie wiegen und vermessen. Ich tat nichts dergleichen und schickte drei von ihnen erstmal wieder raus. Eine Besucherin fotografierte das Sichtschutz-Schild vor meinem Tisch, auf dem „Abteilung für Inneres, DIE WAHRHEIT, es bedient Sie: Julius Katzenellenbogen“ stand. (Eine Otterdame sagte einigermaßen entrüstet: „Sie sind ja gar nicht der Herr Katzenellenbogen!“ Ich erklärte ihr, dass ich jetzt gerade Herr Katzenellenbogen sei. Sie guckte misstrauisch. Typischer Otter.) Eine alte Dame teilte mir mit, es sei ja nett, dass ich sie als Uhu (sie war sehr eindeutig eine Uhufrau) gemalt hätte, sie sei aber eigentlich ein Reh, ob ich das nicht gemerkt hätte? Hatte ich nicht. Ein ehemaliger Oberpostdirektionsangestellter kam vorbei und erzählte mir davon, wie das Gebäude früher war und wie seine Frau (der Uhu!) und er einmal durch die Sahara gefahren waren. Ein Flamingo meinte, während ich ihn malte, er wäre sehr sicher, dass seine Mitbewohnerin (sie war direkt vor ihm im Raum gewesen) ein Flamingo sei. (Wohlgemerkt: Die Besucher konnten nicht sehen, was ich zeichnete.) Die Mitbewohnerin des Flamingos war allerdings ein Waschbär.

Zweimal habe ich Namen aus „Game of Thrones“ vergeben. Zweimal wurde es nicht bemerkt. Zweimal habe ich den richtigen Namen des Menschen geraten, der gerade vor mir saß. Beim Rotkehlchen Eva beispielsweise. Die Waschbärin und eine Sonnenblume freuten sich sehr über ihre Bilder, ein doppelköpfiges Lama machte mir enorm viel Spaß, eine abstrakte Frau wünschte mir viel Erfolg in meinem weiteren Leben, ein Dackel erklärte mir ausgiebig, er könne auf keinen Fall Nicole heißen und ein Wüstenfuchs namens Sigmund war sich sicher, dass wir uns eines Tages wiedersehen würden. Eine Katze schrieb mir am nächsten Tag, dass ich übrigens ein Eichhörnchen sei, die Häsin versprach, sich auf die Suche nach dem zweiten Hasen zu begeben und eine Deutschlehrerin (Gestalt leider vergessen) erklärte mir, dass ich auf dem Schild vor meinem Tisch „Wahrheit“ falsch geschrieben hätte. Ich lief um den Tisch herum und sah, dass sie Recht hatte. In meiner Panik kurz vor dem Losfahren hatte ich „Die WARHEIT“ auf das Stück Pappe geschrieben. Ich korrigierte umgehend. Ich sagte, dass mir sowas sonst nie passieren würde. Die Lehrerin nickte freundlich. Ich betonte noch einmal, dass ich Wörter dieser Art, gerade „solche Worte!“ sonst nie falsch schreiben würde. Sie nickte etwas skeptischer. Mir fiel die Besucherin wieder ein, die das Schild fotografiert hatte und ich hoffte sehr, dass sie das Foto nicht nutzen würde, um mich irgendwo als Volltrottel auszustellen.

Zwischen den Sprechstunden las ich vor. Und es war großartig. Jedesmal, wenn ich irgendwo lese, frage ich mich kurz vorher, wie ich so blöd sein konnte, wieder eine Lesung zuzusagen. Ich habe Angst, ich winde mich und ich will überhaupt nicht. In diesem Fall saßen noch dazu Freunde und Familie im Publikum. Was einerseits schön ist, mich aber andererseits noch nervöser macht. Ich entschied mich spontan dazu, ausschließlich (mehr oder weniger) amüsante Texte zu lesen, vier davon über ein Augsburgnah liegendes Freibad, es gab viel Gekicher und danach sowohl von Fremden als auch von Freunden sehr herzliche Rückmeldungen. Ein paar bekam ich noch, als ich anschließend wieder malte. Ich malte bis 00:00 Uhr, dazwischen und am nächsten Tag sprang ich die Stockwerke rauf und runter (auf der einen Seite an der Raumzeichnung von Daniel Man vorbei, an der anderen Seite durch Almut Reichenbachs „Schwimmbad“, das ich sehr toll fand, ein blaugefliestes Treppenhaus, in dem es nach Chlor roch und nach Hallenbad klang), ich stand vor Installationen und Skulpturen, rannte in Lesungen und eine Oberstundenunterrichtsstunde hinein, es gab Moscow Mules, Kuchen, Kaffee und jede Menge angenehmer Leute.

Augsburg, verdammt. Du machst es echt nicht leicht, in Hamburg zu leben. Gratulation an die Direktion.

Über uns kein Stern

„Da hilft nichts auf der Welt/ wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“ (Frank Spilker)

Es fühlt sich nicht an wie heimkommen, mehr wie ein großes Aushalten, wenn er in sein Wohnviertel hineingeht. Er hält inne, holt Luft, die er nicht mehr auslässt, bis er den Innenhof mit den stinkenden Müllcontainern durchquert hat, bis die Wohnungstür hinter ihm ins Schloss fällt.

Am Eingang des Viertels liegen drei Obachlose auf einem Lüftungsschacht, einer davon halb verborgen von einem Regenschirm. Zwei schlafen, einer hält Wache. Vor ihnen steht ein Hut mit wenigen Münzen darin. Er hetzt an ihnen vorbei, hält die Luft an, atmet nicht, er will keine Partikel in sich aufnehmen vom Elend, Hundeurin, Taubendreck, Alkohol, der alten, großbrüstigen Prostituierten, die sich mit dösigem Ausdruck in ihr Fenster lehnt, immer beäugt von Männern, die scheinbar unbeteiligt an einer Bank in Blickrichtung lehnen. Ein jüngerer ist heute dabei, zwei räudige ältere, deren Mundhöhle faulig riecht und die zu viel Aftershave aufgelegt haben.

Ein bebender, dürrer Kerl steht vor einer der Kellerkneipen, die Schwüle des Tages drückt den Rauch seiner Zigarette an ihn, er trägt den Rauch wie einen leichten Mantel, wie einen Schleier, der ihm dünn am Gesicht hängt. Wenn er die Hand zum Mund führt, verschüttet er Gedanken, er schüttelt den Kopf, der nicht mehr klar werden wird heute, er sieht nichts mehr. Aus der Kneipe dringt Musik, es ist 17 Uhr, uralter Dunst steht im Eingang, er wird nicht weichen, hinter ihm sitzen Menschen, einer hat den Kopf auf dem Tresen abgelegt, Augen und Mund geöffnet, die Musik hämmert ihnen den Alkohol ins Gehirn, bis sie blank sind.

Mütter fahren an ihm vorbei, auf den Fahrradsitzen hinter sich Kinder, die auf dem Heimweg ihre gesamte Habe verstreuen, unentwegt lassen sie kleine und große Gegenstände fallen, niemand kann etwas halten, der Stadtteil ergreift sie alle. Wer hier herzieht, legt bald ein Korsett an. Diejenigen, die hier aufgewachsen sind, haben die Härte im Inneren, sie lachen über die verschreckten Zugezogenen, sie haben Teil an der Rauheit, man ist mindestens lässig hier, besser zäh, jeder Gang ein Alleingang, nicht ausweichen, nicht abwarten, jeder geht, wenn seine Zeit da ist, läuft auf die Straße, die Autofahrer sind das gewöhnt, sie rufen Genervtes durch die Scheiben, bremsen, es wird mit den Achseln fortgezuckt. Wer lächelt und ausweicht ist schwach oder will dir was verkaufen. Wer lächelt ist seltsam und nicht aus dem Viertel.

Die Prostituierten steigen von einem Fuß auf den anderen, von einem Passanten auf den nächsten, hier darf man erst recht nicht lächeln, es ist schon so schwierig genug, ungesehen durchzukommen, es gelingt eigentlich nie, Süßer, na Süßer? Sie sehen alle gleich aus, eine Straße lang zumindest, ein Typ Frau pro Straße.

Man altert schneller, es sammelt sich Unruhe an, weil es stinkt, weil gerempelt wird, weil sie nachts vors Hoftor kotzen, sich an die Klingel stützen dabei, er schreckt um vier Uhr morgens mit Herzrasen hoch davon, die Klingel schrillt und schrillt, draußen grölt jemand, klatscht, jemand pisst einen lachenden Bogen an die Gegensprechanlage, wir sind in der Wildnis. Ab 22.00 Uhr ist alles erlaubt, an den Straßenecken werden Hemmungen abgelegt, immer wieder dasselbe geschrien: meine Mannschaft, meine Freundin, meine Scheißschlampe, mein Kerl, meine Heirat morgen früh, meine Jugend zieht an mir vorbei wie eine Blaskapelle, das muß gefeiert werden, das muß gesoffen werden, ich muß hier durch. Ich muß hier weg.

Masten

Strom Ab und an komme ich an Musik vorbei, die mich binnen eines Lieds erst verknallt macht und dann übers Album verteilt in eine hilflose Liebe hineintaumeln lässt (ungefähr so wie Isabella Rossellini in Blue Velvet: nackt und mit ausgestreckten Armen).

So ging es mir letzte Woche mit „Wild Poppies“ von The Mast.

Ich bin kein großer Fan von klingt-wie-Vergleichen, aber im Falle von The Mast hing mein Gefallen wohl auch damit zusammen, dass mich der Ton des Albums in ein Gespinst aus Erinnerung an Bands warf, die ich seit langem mag.

Ich kann noch nicht alles benennen, aber drin steckt für mich auf jeden Fall: das verträumt-düstere von Siouxsie & The Banshees, das seltsame Fernweh und die Magie der ersten „Dead Can Dance“ (insbesondere der Song „Fortune“ passt für mich zu „Wild Poppies“, respektive umgekehrt), irgendwo im Hintergrund flicht Lene Lovich sich das Haar, die Traurigkeit von November Növelet und des großartigen ersten Albums vom This Mortal Coil-Projekt winkt aus einigen Liedern und an manchen Stellen fühlt es sich an wie Meditationsmusik (im besten Sinne) aus einer Kundalini-Yogastunde.

Möglich, dass all diese Referenzen nur in meinem Kopf zusammenkommen, immerhin basieren sie hauptsächlich auf einem Grundgefühl, das „The Mast“ (auch mit ihren Texten) immer wieder in mir auslösen. Wenn euch all die Bandvergleiche nichts sagen: egal. Hört es euch wegen der wunderbaren Stimme der Sängerin Haale und wegen des famosen Schlagwerks an.

Kennenlernen, noch mehr kennenlernen, und die noch relativ unbekannte Band per Albumkauf unterstützen.

Man trifft sich

Zwei große besorgte Frauen mit altmodischen Gesichtern lernen sich kennen. Sie fassen sich an den Schultern und sind froh. Sie gehen in ein Café und reden leise über ihren Kummer. Sie treffen sich Woche für Woche und lächeln sich die altmodischen Gesichter schön. Sie sind innig und heimlich.

Zwei dicke Mädchen mit kleinen Ohren lernen sich kennen. Sie gehen gemeinsam in die Pause und schreien auf dem Schulhof herum. Sie stehlen Lipgloss im Woolworth und tragen zu enge Hosen. Sie rennen böse lachend zu Pommesbuden. Sie stopfen sich gegenseitig Süßigkeiten in die glossigen Münder und hören Musik dazu. Sie kaufen sich Steppjacken.

Zwei damenlose Herren mit Backenbärten lernen sich kennen. Sie schlagen sich auf die Schultern und sind froh. Sie gehen in eine Bar, trinken herbes Bier und schauen. Sie zeigen sich ihre Schallplatten und loben sich. Sie spielen nächtelang Spiele übers Internet. Sie schauen sich Pornos mit kleinbrüstigen Darstellerinnen an.

Zwei kleinbrüstige Pornodarstellerinnen lernen sich kennen. Sie lassen die Zungen in die jeweils andere dringen. Sie fassen sich an und beben. Sie leben in einem tuchverhangenen Hotelzimmer. Sie küssen sich naß und wild. Sie knien sich gemeinsam vor eine Erektion. Sie ziehen billige Bademäntel an.

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I hate you some, I love you some

Die Großstädte und ihre weich ausgeschorenen Undercut-Nacken, großen Kapuzenkrägen, Stiefel, Milchkaffees, Saftschorlen, die irrlichternden Bewegungen der Medienmenschen von einem Viertel ins nächste, von einer Stadt zur nächsten und retour. Man liegt in gedämpft beleuchteten Cafésofas, ein Bekannter sitzt dabei und fotografiert mit der Spiegelreflex oder via instagram, alle haben irgendwie viel zu tun. Draußen zieht der Winter vorbei, man isst keine Tiere mehr oder man isst sie erst recht, Pelzbommelmützen bezeugen, dass man seine Modeblogabos gelesen hat. Die Damen backen und häkeln, die Herren beherrschen die Kunst des Halstuchdrapierens, jeder kann XHTML und alle kaufen sich was Schönes. Weiterlesen →

Drei Sterne sah ich scheinen

Wenn ich gerade schlafen will werde ich oft überfallen.

Ich bin dann sehr wehrlos, weil müde, und widersetze mich kaum. Neben dem Bett liegt inzwischen ein Aufnahmegerät (ein ganz altmodisches Ding, es passen Normalkassetten rein) (die Idee hab ich geklaut), um die Überfälle dokumentieren zu können. Am nächsten Tag höre ich das bemurmelte Stück Tonband ab, meistens klinge ich latent genervt, weil es ungefähr 03.45 Uhr ist und ich eigentlich schlafen will. Man hört viel Geknister, mechanisches Quietschen und dazwischen, wie ich Satzfragmente ins Mikrofon gähne. Was ich noch verstehen kann, schreibe ich später ins Reine. Weiterlesen →

Oh BOY!

Ohne viel Federlesens: Musik ist der Grund, wieso dieses Blog aus seinem (zugegeben: langen) Frühling/Sommer/Herbstschlummer wieder auftaucht. Schuld sind nur BOY allein, die mich vorhin erst mit ihrem Lied Drive Darling geködert und direkt danach mit Army an Land gezogen haben.

Es liegt an allem: den Stimmen, der Begleitung, den Texten und nicht zuletzt den beiden Frauen (Sonja Glass und Valeska Steiner) und ihrer angenehmen Art. Ich bin verknallt.

Glücklicherweise sind BOY in wenigen Tagen Vorgruppe der ebenso sympathischen Geschwister Hundreds, die dieses Jahr mit viel Licht und aus gutem Grund in den Himmel geschossen sind.