Do you love me?

27. Januar 2009

Meine Agenturzeit hat mich restlos verdorben, was sogenannte “gute Werbekampagnen” angeht. Selbst mehrfach preisgekrönte, schöne, durchdachte, teils sogar am Tiefsinnigen nur knapp vorbeischrammende Anzeigen/Spots/etc. entlocken mir im Höchstfall ein müdes Lächeln und viele Vorstellungen. Ich kann auch dann, wenn ich mal wieder einen (üblicherweise beschissenen) TV-Werbeblock sehe, selten anders, als mir bei den schlechtesten Spots einen gerade meetenden (ja, das Wort gibt es nicht, ich weiß) Werberkreis vorzustellen, der seine neuesten Ideen dem Herrn Oberwerber vorstellt. Während dieser Vorstellungen werde ich sukzessive gnadenloser und gemeiner. Und genau so geht es mir auch mit den guten Kampagnen.

(Achtung, der nächste Abschnitt enthält latente Übertreibung!) Der unbedarfte Durchschnittsgrafikstudent stellt sich ja vor, daß in den großen, bekannten Agenturen beinahe dauernd nur die Kampagnen erstellt werden, die er dann im ADC Jahrbuch zu sehen bekommt. Er schwärmt sich eine wunderbare Agenturwelt voller Kreativität zurecht. Hockt er dann erstmal in der Agentur, wundert er sich, warum er dauernd nur kreischbunte Deckenhänger für große Elektrofachmärkte entwerfen muss, die zu 90% in den Müll wandern. Er wundert sich noch mehr, weil er nicht der einzige ist, der sich mit derart banalen Aufgaben herumschlägt. Irgendwann entdeckt er, wie und wann die tollen preisgekrönten Kampagnen entstehen. Meist sind sie das Überstunden-Sahnehäubchen auf einem langen Tag, oder Zufallsprodukte während eines regulären Jobs, die dann unter Begriffen wie A.S.G. (Auf der Suche nach dem heiligen Gral) oder D.z.K. (Diamanten zu Kohle) laufen (alles nur fiktiv, die echten, agenturinternen Begriffe sind natürlich englisch, kürzer und noch blöder). Wenn mal eine A.S.G.-Kampagne entstanden ist und Gnade vor dem Oberwerberauge fand, muß man nur noch den Kunden anweinen, daß man sie bitte, bitte so drucken oder senden darf, man zahlt auch alles selbst und veröffentlicht nur in einem regionalen Studentenmagazin/-sender, bitte, bitte. Wenn man darf, wird nach der Veröffentlichung direkt an die großen Wettbewerbe geschickt. Das Ding gewinnt, alle freuen sich feucht, es wird tausendfach gebloggt und verblendet ganze Generationen von Grafikstudenten.

So also mein Stand, was “großartige” Werbekampagnen angeht. Deshalb kommen die hier auch nie vor. Aber gestern, ja, gestern, da kam mir dann ein Spot unter, der mich tatsächlich begeistert hat. Vielleicht war ich auch nur emotional berauscht und kann das alles nicht mehr recht auseinanderhalten, was bei Werbung aber im Prinzip erst mal wurscht ist. Wenn der Empfänger begeistert und rauschig ist, hat der Sender was richtig gemacht.

Der Spot macht sich eine Kombination aus trainiertem Flashmob, uneingeweihten Passanten und deren Reaktionen zunutze. Die folgenden zwei Filme (Spot und Making of, am Besten in hoher Qualität ansehen) erklären das weit besser als ich:

Eintrag abgelegt unter: Die Erde

1 Kommentar Auch mal?

  • 1. Michael  |  5. Februar 2009 at 14:02

    schön, wenn das produkt mal zur nebensache werden darf…

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