I hate you some, I love you some

Die Großstädte und ihre weich ausgeschorenen Undercut-Nacken, großen Kapuzenkrägen, Stiefel, Milchkaffees, Saftschorlen, die irrlichternden Bewegungen der Medienmenschen von einem Viertel ins nächste, von einer Stadt zur nächsten und retour. Man liegt in gedämpft beleuchteten Cafésofas, ein Bekannter sitzt dabei und fotografiert mit der Spiegelreflex oder via instagram, alle haben irgendwie viel zu tun. Draußen zieht der Winter vorbei, man isst keine Tiere mehr oder man isst sie erst recht, Pelzbommelmützen bezeugen, dass man seine Modeblogabos gelesen hat. Die Damen backen und häkeln, die Herren beherrschen die Kunst des Halstuchdrapierens, jeder kann XHTML und alle kaufen sich was Schönes.

Die Tresenkraft verteilt Flammen auf den Tischen um danach wieder suchend ins Gewirbel vor den Panoramafenstern zu starren, aus den Lautsprechern zieht die Musik lange Fäden und keiner singt dazu. Alle bewegen sich, keiner kommt weiter, es ist mehr ein Nachdunkeln als ein Älterwerden. Wenn man die 30 überschritten hat, heißt es Obacht geben, der Zeitfraß der Großstädte ist enorm, es kann schon passieren, dass man eines Morgens aufwacht, 35 ist, von Projekt zu Projekt lebt und sich unfassbar sinnlos dabei fühlt.

Es kann auch sein, dass die Heimatstadt plötzlich einen Schein bekommt, den man ihr früher nicht angesehen hat, golden glänzt sie jetzt, freundlich. Möglich, dass man merkt, dass es langsam reicht mit den unachtsamen Menschenmassen, dem Tempo, dem Schmutz, dem Lärm, den vielen Irren und der spärlichen Natur.

Plötzlich fühlt sich vieles rund an, wenn man zuhause ist und mit „Zuhause“ ist nicht mehr der aktuelle Wohnort gemeint. Die kurzen Strecken, die Wälder, die Menschen, die keine Massen ertragen müssen und darob zum Großteil freundlichen Gemüts sind, die vertrauten Klänge und Gerüche. Die Eltern, die heute tatsächlich verstehen, wer man ist, die einen lassen, wenn auch ungern, der längst verschwundene Groll und als einziger Wermutstropfen: der Abschiedsschmerz, wenn man wieder aufbricht nach Hipsterhausen. Die Heimatstadt versucht sich punktuell daran, zu Minihipsterhausen zu werden, scheitert auch nicht und ist trotzdem auf eine Art rührend dabei.

Hipsterhausen kann unglaublich viel, es tanzt und singt unentwegt, es hat Bühnen, die einem das Leben erklären können, weil von ihnen herab aus mehreren Jahrhunderten gepredigt wird, von Schauspielern, Lyrikern, Schlagzeugen und Bratschen, es gibt das grandioseste Frühstück der Stadt an mindestens fünf Orten und immer ist irgendjemand wach. Das reicht für ein paar Jahre, das kann für ein Leben reichen, mir reicht es nicht, oder eher: mir reicht es langsam. Ich sehe mich per sofort als Großstadturlauber, ich werde mich über ein paar Jahre ausschleichen, respektive, weil, was schert es die Stadt, wenn ich sie verlasse: die Stadt aus mir ausschleichen.

Ich will weg. Weg vom Dauerwind und hin zum Föhn. Weg vom Franzbrötchen, hin zum Sauerteigbrot. Malzig statt bitter, Kässpatzen statt Grünkohl, Stadtwald statt Elbstrand. Etwas schwieriger wird werden: Tauben statt Möwen, Stadttheater statt Schauspielhaus. Aber die Zugstrecke nach Hipsterhausen ist glücklicherweise hervorragend ausgebaut.

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4 Antworten auf I hate you some, I love you some

  1. Fabu sagt:

    Geh doch! ^^

  2. Elena sagt:

    Wenn sie selbst es nicht schert, so doch jemanden in dieser Stadt. Sehr sogar.

  3. Tobias sagt:

    Als Jugendlicher:
    Auf das offene Feld laufen, weit genug um fern von allen Anderen zu liegen. Im Sommer auch bei Regen. Alle Kleider ablegen und danach sich ins Gras. Nach endlosem Streicheln vom Gras und sich und kribbelden Insekten, die große Spannung spüren und dann loslassen. Nachdenken, ob etwas von mir nun aus der Wiese wachsen wird, wachsen kann, wachsen könnte. Langsam anziehen und zurück ins Dorf laufen. Lächeln. Und fühlen, ob nicht doch jemand dabei war, mit seinen Blicken auf´s offene Feld. Vielleicht ein waches Mädchen.
    Heute:
    Durch Menschenmassen streunen. Blicke haschen, Wünsche spüren. Im Sehnen branden, doch Eine finden. Nach fassadenreichem Tanzen und Trinken, unbequeme Bahnen nach Hause. Die Laken strapazieren und schließlich teilen. Sich tief in der Nacht fragen: Würde sie sich mit auf die Wiese legen? Das gleiche Glück empfinden. Hat sie vielleicht sogar? Und sich gefragt: Ob sie schwanger wird, werden kann, werden könnte. Wenn der Löwenzahn leuchtend an Ihr klebt oder sie sich denkt, dass verträumte, spielende Jünglinge sich hier zurückgelassen haben könnten.

  4. Ich war eigentlich auf der Suche nach etwas anderem und bin aufgrund der interessanten Internetadresse auf diese Seite gestoßen… Naja jedenfalls ist eine Stadt nur so interessant wie seine Menschen. Deshalb sollten wir – gedanklich – weg vom digitalen Zeitalter und hin zur Kreativität. Wobei das eine das andere nicht ausschließt – Wir sollten mehr zu schätzen wissen, ob in der Großstadt oder auf dem Land…

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