Ars Dilettanti 2

Vom 20. bis zum 23. November war in Augsburg die Ars Dilettanti 2. Über 40 Künstler bespielten die vier leerstehenden Stockwerke der ehemaligen Oberpostdirektion. (Im Haus befindet sich noch eine Postfiliale, in die man von den Wandelgängen der Ausstellung aus hineinsehen konnte.)

Organisiert wurde die Ars Dilettanti von fünf Augsburgern. Alles ehrenamtlich, alles nebenberuflich, alles aus reiner Freude an den verschiedenen Kunstformaten. Alle waren während der Ausstellungstage ganz schön am Ende und sehr froh. Informationen und Artikel zu den Direktorinnen und Direktoren finden sich (bei Scrolllust) hier.

Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, Texte zu lesen. Hatte ich. Außerdem entwickelte ich noch spontan eine Art Begegnungsformat, das innerhalb der „Abteilung für Inneres“ stattfand. Donnerstag und Freitag konnte man sich hier von Markus Hasel die Zukunft sagen lassen. Und am Samstag saß ich im Behandlungszimmer und teilte den einzeln eintretenden Besuchern ihren wahren Namen und ihre wahre Gestalt mit. Viel mehr hatte ich mir vorher nicht überlegt. Entsprechend panisch saß ich also im vierten Stock mit meinen Farben und meinen A6-Vordrucken, auf denen stand:

„Die Abteilung für Inneres teilt Ihnen hiermit die Wahrheit (hier: Name/Gestalt) mit.
Sehr geehrte/s/r …
Sie sind ein/e …“.

An die erste Leerstelle kam der Name. An die zweite die Gestalt in Bildform (Tiere kamen in den Raum, viele Tiere, einige Blumen, ein paar Insekten, zwei abstrakte Menschen, keine Gegenstände, obwohl ich auf einen Teetisch gehofft hatte).

Vor dem Raum stand eine Reihe von grauen Kunststoffstühlen, auf denen die Wartenden Platz nahmen. Da keiner so genau wusste, was in der Abteilung vor sich ging, kamen die Besucher mit den verwegendsten Ideen, oft nervös und teils sogar ängstlich herein. Eine Mädchengruppe, die zu viert reinstürmte, befürchtete beispielsweise, ich würde sie wiegen und vermessen. Ich tat nichts dergleichen und schickte drei von ihnen erstmal wieder raus. Eine Besucherin fotografierte das Sichtschutz-Schild vor meinem Tisch, auf dem „Abteilung für Inneres, DIE WAHRHEIT, es bedient Sie: Julius Katzenellenbogen“ stand. (Eine Otterdame sagte einigermaßen entrüstet: „Sie sind ja gar nicht der Herr Katzenellenbogen!“ Ich erklärte ihr, dass ich jetzt gerade Herr Katzenellenbogen sei. Sie guckte misstrauisch. Typischer Otter.) Eine alte Dame teilte mir mit, es sei ja nett, dass ich sie als Uhu (sie war sehr eindeutig eine Uhufrau) gemalt hätte, sie sei aber eigentlich ein Reh, ob ich das nicht gemerkt hätte? Hatte ich nicht. Ein ehemaliger Oberpostdirektionsangestellter kam vorbei und erzählte mir davon, wie das Gebäude früher war und wie seine Frau (der Uhu!) und er einmal durch die Sahara gefahren waren. Ein Flamingo meinte, während ich ihn malte, er wäre sehr sicher, dass seine Mitbewohnerin (sie war direkt vor ihm im Raum gewesen) ein Flamingo sei. (Wohlgemerkt: Die Besucher konnten nicht sehen, was ich zeichnete.) Die Mitbewohnerin des Flamingos war allerdings ein Waschbär.

Zweimal habe ich Namen aus „Game of Thrones“ vergeben. Zweimal wurde es nicht bemerkt. Zweimal habe ich den richtigen Namen des Menschen geraten, der gerade vor mir saß. Beim Rotkehlchen Eva beispielsweise. Die Waschbärin und eine Sonnenblume freuten sich sehr über ihre Bilder, ein doppelköpfiges Lama machte mir enorm viel Spaß, eine abstrakte Frau wünschte mir viel Erfolg in meinem weiteren Leben, ein Dackel erklärte mir ausgiebig, er könne auf keinen Fall Nicole heißen und ein Wüstenfuchs namens Sigmund war sich sicher, dass wir uns eines Tages wiedersehen würden. Eine Katze schrieb mir am nächsten Tag, dass ich übrigens ein Eichhörnchen sei, die Häsin versprach, sich auf die Suche nach dem zweiten Hasen zu begeben und eine Deutschlehrerin (Gestalt leider vergessen) erklärte mir, dass ich auf dem Schild vor meinem Tisch „Wahrheit“ falsch geschrieben hätte. Ich lief um den Tisch herum und sah, dass sie Recht hatte. In meiner Panik kurz vor dem Losfahren hatte ich „Die WARHEIT“ auf das Stück Pappe geschrieben. Ich korrigierte umgehend. Ich sagte, dass mir sowas sonst nie passieren würde. Die Lehrerin nickte freundlich. Ich betonte noch einmal, dass ich Wörter dieser Art, gerade „solche Worte!“ sonst nie falsch schreiben würde. Sie nickte etwas skeptischer. Mir fiel die Besucherin wieder ein, die das Schild fotografiert hatte und ich hoffte sehr, dass sie das Foto nicht nutzen würde, um mich irgendwo als Volltrottel auszustellen.

Zwischen den Sprechstunden las ich vor. Und es war großartig. Jedesmal, wenn ich irgendwo lese, frage ich mich kurz vorher, wie ich so blöd sein konnte, wieder eine Lesung zuzusagen. Ich habe Angst, ich winde mich und ich will überhaupt nicht. In diesem Fall saßen noch dazu Freunde und Familie im Publikum. Was einerseits schön ist, mich aber andererseits noch nervöser macht. Ich entschied mich spontan dazu, ausschließlich (mehr oder weniger) amüsante Texte zu lesen, vier davon über ein Augsburgnah liegendes Freibad, es gab viel Gekicher und danach sowohl von Fremden als auch von Freunden sehr herzliche Rückmeldungen. Ein paar bekam ich noch, als ich anschließend wieder malte. Ich malte bis 00:00 Uhr, dazwischen und am nächsten Tag sprang ich die Stockwerke rauf und runter (auf der einen Seite an der Raumzeichnung von Daniel Man vorbei, an der anderen Seite durch Almut Reichenbachs „Schwimmbad“, das ich sehr toll fand, ein blaugefliestes Treppenhaus, in dem es nach Chlor roch und nach Hallenbad klang), ich stand vor Installationen und Skulpturen, rannte in Lesungen und eine Oberstundenunterrichtsstunde hinein, es gab Moscow Mules, Kuchen, Kaffee und jede Menge angenehmer Leute.

Augsburg, verdammt. Du machst es echt nicht leicht, in Hamburg zu leben. Gratulation an die Direktion.

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