Anämie

Ich will ein Vampir sein. Seit 1985 geht das jetzt so, und es scheint nicht weniger dringlich zu werden.

Als ich gerade eingeschult worden war, tauchte Rüdiger von Schlotterstein in unserem Wohnzimmer auf und überzeugte mich davon, statt einer Prinzessin fortan ein Vampir sein zu müssen. Die nächsten (und letzten) vier Jahre, die ich noch auf Faschingsfeiern ging, trug ich einen schwarzen Satinumhang mit Stehkragen nebst passender Hose, jede Menge Babypuder und getrockneten Blutspuren im Gesicht. Naja, um ehrlich zu sein: auch abseits von Faschingsfeiern erfreute ich das Dorf mit Vampirumhangzwischenspielen.

Mit 15 driftete ich unausweichlich in eine Anne Rice Phase. Dann war ein paar Jahre Ruhe und ich war es zufrieden, als Quotengrufti durch die Gemeinde zu wabern und so lange vor dem Sonnenlicht zu flüchten bis meine Haut es nur mit extremen Abwehreaktionen ertragen konnte.

Und seit letztem November, ihr ahnt es schon und fallt entsetzensstarr und mit kralligen Händen von den Schreibtischstühlen, bin ich Twilight verfallen. Nur kurz unterbrochen von bisher acht Bänden Southern Vampire Mysteries/Sookie Stackhouse-Novels samt zugehöriger TV-Serie (True Blood) und dem (übrigens großartigen!) schwedischen Film Let The Right One In, habe ich alle Bände bisher mindestens zwei-, manche sogar dreimal gelesen. Wieso? Keine Ahnung. Ich dachte vorher auch nicht, dass mich die Liebeswirren zweier 17-jähriger so faszinieren würden. Aber hey – einer von beiden ist ein VAMPIR! Ein übertrieben kontrollierter, überbehütender, romantischer und glitzernder Vampir.

Eine großartige Zusammenfassung der rauschhaften Twilighterfahrung in Comicform findet sich übrigens in Lucy Knisleys Weblog, inklusive (Achtung, Spoiler!) Ultrakurzzusammenfassung der vier Bände, wegen der ich noch Stunden nach dem Lesen immer wieder dämlich kichern musste.

Eigentlich sind die Twilight-Bücher wirklich schlimm. Sie sind nicht gerade gut geschrieben (ich habe sie auf englisch gelesen, um mir wenigstens einbilden zu können, etwas dabei zu lernen), es gibt seltsame Spannungsbögen, Hauptcharakter Bella wird von Band zu Band stupider und macht zudem in manchen Passagen eigentlich nichts als endlos jammern, sich nicht entscheiden können, sich Seltsamkeiten einreden und für ihren Vater kochen. Edward (der Herr Vampir) ist strikt keusch bis nach der Blitzhochzeit (was auch daran liegen könnte, dass die Autorin strenge Mormonin ist) und kaum wird Bella kurzfristig von Edward verlassen, verfällt sie einem (na klar!) Werwolf. Am Ende bekommt sie das schönste Kind der Welt (beinahe 100 Jahre altes Sperma!), mutiert zur Superheldin und hat andauernd Sex.

Trotzdem reißt mich (und massenweise Andere) die Geschichte mit. Die Voraussetzungen sind bei mir gut, der Wille zum Eskapismus, die Freude an Fantasy und die Verehrung von Vampiren sind groß, aber das allein ist es nicht. Möglicherweise ist es die andauernde, zehrende Sehnsucht in den Büchern, die gut vorstellbaren Orte, die wilden Gefühle und die schlussendlich völlige Wunscherfüllung (eigentlich jeder Handlungsstrang wird mit einem teils absurden Happy End belohnt). Die Vampire haben außerdem Superheldenstatus: Sonnenlicht und all der übliche Vampirzerstörungsquatsch kann ihnen nichts anhaben, sie müssen nicht schlafen, sie sind übernatürlich schön, duften grandios und werden, abseits vom Blutdurst, nicht von körperlichen Notwendigkeiten geplagt. Und dann noch die langwährende Spannung: wird klutzy Bella am Ende auch ein Vampir? Den (mittelmäßigen) Film habe ich nach Erstlektüre natürlich auch angesehen. Er hat schöne Momente (und schöne Hauptdarsteller), dient aber eigentlich nur dem Schwärmen und ist in seiner Holprigkeit den Büchern ähnlich.

Leider kennt keiner, den ich kenne, einen Vampir, den er/sie mir vorstellen könnte. Ich bin darob zutiefst betrübt, gerade jetzt, wo mein dreißigster Geburtstag in Siebenmeilenstiefeln heran eilt, könnte mir ein wenig Unsterblichkeit und die Wahrung der Form (körperlich jetzt) wirklich nicht schaden.

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