Typologie der Fahrradfahrer

bertradler

Die Großväter
Der Großvater fährt für gewöhnlich ein älteres Damenrad in Metallicgrün mit einem großen Steppmuster-Polstersitz. Das Rad quietscht stark federnd über unebene Stellen hinweg. Der Großvater hat alle Zeit der Welt, ein lustiges Hütchen auf und ist auf dem Weg irgendwohin. Naja, so ganz sicher ist er sich da nicht mehr, aber er ist eigentlich mal aufgebrochen um … um …,
Spezialfähigkeit: Absolute Unberechenbarkeit. Versucht man, den Großvater zu überholen, muß man angstfrei und schnell sein, denn er hat den Hang, die gesamte Fahrradwegbreite mit unvorhergesehenen Wellenbewegungen von links nach rechts auszuloten. Negativ: Man schrammt auch mit großer Umsicht nur äußerst knapp an ihm vorbei. Positiv: Es wird ihn nicht aufregen.

Die coole Typen
Der coole Typ gleicht in so vielem dem Großvater, dass noch gerätselt wird, ob der coole Typ möglicherweise einfach ein Großvater in seinen Jugendjahren ist. Der coole Typ ist etwa 13 – 17 Jahre alt und wurde schon auf beinahe allen Fahrradarten gesichtet. Am häufigsten fährt er ein etwas in die Jahre gekommenes Mountainbike oder ein altes Damenrad (siehe Großvater). Sein natürliches Transportmittel war einst das Bonanzarad, aber nur sehr traditionsbewusste coole Typen wissen das heute noch. Eine moderne Variante des Bonanzarads stellt der Cruiser dar. Nur ein Modell fahren coole Typen nie: Das Rennrad. Der coole Typ fährt nicht, er schlendert auf seinem Fahrrad dahin. Dabei eiert er extrem gekonnt von Seite zu Seite und schiebt, was ihn dann doch vom Großvater unterscheidet, spätestens an der nächsten Bordsteinkante einen Trick ein. Spezialfähigkeit: Lenker hochreissen, extrem langsam Fahren (bis hin zur vermeintlichen Bewegungslosigkeit). Negativ: Er hat gern noch ein oder zwei Freunde dabei, die (laufend) gemeinsam mit ihm bis zu zehn Meter Breite blockieren. Positiv: Er ist (ohne Mitläufer) durchaus amüsant.

Die Profis
Ein Profi zeichnet sich dadurch aus, dass er einen immer überholt. Es ist gleich, wie schnell man fährt oder ob er oder sie an der nächsten Ampel sowieso nach links abbiegen wird: Er überholt. Immer. Der Profi fährt meist ein sehr teures Trekkingrad (seltener ein Rennrad). Ist er Traditionalist, hat er es sich wahrscheinlich in einer Fahrradmanufaktur fertigen lassen. Eine Unterart des Profis trägt Fahrradhelm und Neonweste. Dies sind die sehr sicherheitsbewussten Profis und/oder Eltern. Der Profi fährt das ganze Jahr über und bei jeder Witterung mit dem Rad. Selbstredend besitzt er eine komplette Regen- und eine Winterausrüstung, oft hat er ein oder zwei Transporttaschen am Rad montiert. Der Profi hasst alle anderen Fahrradfahrer, selbst die anderen Profis. Wenn zwei Profis aufeinandertreffen, kann man sich als zufälliges Publikum auf ein spontanes Rennen freuen. Spezialfähigkeit: Bremsgeräusche statt der Fahrradklingel einsetzen, um zur Freimachung des Wegs aufzufordern. Negativ: Bremsgeräusche statt der Fahrradklingel einsetzen, um zur Freimachung des Wegs aufzufordern. Positiv: Abseits vom Fahrrad ein äußerst freundlicher Mensch.

Die Urbanisten
Die Urbanistinnen und Urbanisten treten hauptsächlich in der Altersgruppe von 19 – 41 Jahren auf. Die Urbanistinnen fahren Rennrad, oft Fixed Gear, und halten sich an keine einzige Regel der StVO. Üblicherweise benutzen sie Fahrradwege in die Gegenrichtung, wobei sie ein rasantes Tempo vorlegen (ja he, sie fahren Rennrad!). Sollten sie den Radweg in die richtige Richtung benutzen, fahren sie meist im ausladenden Wiegetritt, mit dem sie erstaunlicherweise die gesamte Breite des Radwegs einnehmen. Richtig unangenehm wird der Wiegetritt dann, wenn sie einem entgegenrauschen, ohne auch nur ans Ausweichen zu denken. Die Urbanisten fahren hochkonzentriert bis zur Aggression. Sie geniessen die Geschwindigkeit und lieben ihre Räder. So sehr, dass diese meist in ihren Wohnungen leben. Manche Urbanistinnen entwickeln sich im Lauf der Zeit zu guten Fahrradmechanikern und definieren sich stark über ihr Rad. Urbanisten sind eine Vorform des Fahrradkuriers. Spezialfähigkeit: Fahrradbezogenes Fachwissen. Negativ: Neigen zu extrem knappen Überhol- und Ausweichmanövern. Positiv: Können Lenkbänder wickeln.

Die Großmütter
Die Großmutter ist mit dem Großvater nicht bekannt. Sie fährt Rad, um Erledigungen zu machen. Sie fährt ein modernes Citybike mit Extremniedrigeinstieg und einem Fahrradkorb. Sie fährt sehr sorgfältig. Man darf sie keinesfalls anklingeln, das empfindet sie als extrem unhöflich und im schlimmsten Fall erschrickt sie davon so sehr, dass sie abrupt nach links oder rechts zieht und mit einem Urbanisten zusammenprallt. Die Großmutter hält sich an jedes Lichtsignal und wirkt an Ampeln, die auf grün schalten, manchmal so, als würde sie nie wieder weiterfahren wollen. Das liegt aber nur daran, dass sie viel Kraft und Zeit für den Antritt aufwenden muß. Spezialfähigkeit: Der Igel unter den Hasen. Negativ: In engen Gassen kann der Tag hinter einer Großmutter sehr lange werden. Positiv: Kann jedem Manieren beibringen.

Die Stehradler
Die Stehradlerinnen und -radler fahren Mountain- oder Trekkingbike und zwar grundsätzlich stehend. Egal, ob das Fahrrad überhaupt nicht für Wiegetritt ausgelegt ist, die Stehradlerinnen vollführen ihn doch. Sie treten stehend an, fahren stehend weiter, stehen und stehen und fallen nicht. Was sie dabei besonders lieben, ist das Lufthängen: ein paarmal treten, dann mit gestreckten Beinen auf den Pedalen stehenbleiben und immer langsamer werdend alles blockieren. Gerade, wenn hinter ihnen ein Urbanist und zwei Profis zu einem Überholmanöver ansetzen wollen, treten sie wieder ein paarmal, bevor sie stehend weiterrollen. Die Stehradler sind eine bisher relativ unerforschte Spezies, niemand kann sich so recht erklären, was sie zu ihrem Verhalten treibt. Eines aber ist sicher – ihre Spezialfähigkeit: Kann auch noch fahren, wenn der Sattel geklaut wurde. Negativ: Mäandert relativ unvorhersehbar dahin. Positiv: Eines der letzten Mysterien dieser Erde.

Die Cafés
Eng mit den Stehradlern verwandt sind die Cafés. Sie heißen so, weil sie immer ein Heißgetränk auf dem Fahrrad mitführen. Dieses trinken sie in langen Schlucken an der Ampel und während der Fahrt. Die Cafés sind fähig, mit einem Heißgetränk in der linken, einem Mobiltelefon in der rechten und einem aufgespannten Regenschirm in ihrer geheimen Zusatzhand zu radeln. Jedenfalls glauben sie das. Ihr Lieblingswort ist „tiefenentspannt“. Sie fahren trinkend, tippend und plaudernd dahin und unterbieten, was die Geschwindigkeit angeht, teilweise sogar die coolen Typen. Man darf sie auf keinen Fall darauf hinweisen, dass sie mit ihrer Fahrweise gerade einen Hauptverkehrsweg blockieren, dann werden sie nämlich sehr unentspannt und weisen einen darauf hin, dass man sich mal entspannen soll. Vereinzelt wurden schon Cafés beobachtet, die auf dem Fahrrad ihre Steuererklärungen erledigten, während sie sich Americano trinkend rasierten. Spezialfähigkeit: zu viele. Cafés können alles. Negativ: Erhöhen das Herzinfarktrisiko von Profis, Urbanistinnen und Großmüttern. Positiv: Entbinden im Notfall auch ein Kind vom Fahrrad aus.

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